LeseprobeGedaechtnis

Siebel in Siebel/Winkler “Noosomatik” Bd. V, 2.Aufl., 1996 (ISBN 3-89379-067-5) Nr.:

5.8.1. Menschliche Gedächtnismöglichkeiten

5.8.1.1. Das rationale Gedächtnis ist jenes, in dem wir verbalisierte Inhalte aufnehmen können - behalten, natürlich auch wieder vergessen. Was darin gespeichert, was von draußen nach drinnen gekommen und von uns reproduzierbar ist, wie z.B. Zahlen, betrifft die Reproduktionsfähigkeit unserer Ratio, der vom männlichen Prinzip getragene Teil dessen, was wir Geist nennen. Die Reproduktion unterliegt ganz besonders den Einflüssen des Frontalhirns.

5.8.1.2. Die Physiologie unseres Körpers erinnert sich, wie wir wissen, an den Zustand eines Organs vor einer Erkrankung; andernfalls würde keine Krankheit korrigiert werden können. D.h. das physiologische Gedächtnis arbeitet mit der Heilungstendenz des Menschen zusammen, um bei entsprechendem Umgang und angemessener Therapie auch wieder zur Gesundung beizutragen. Das physiologische Gedächtnis erinnert sich an den Zustand, wie ein Organ eigentlich vernünftig arbeiten möchte.

5.8.1.3. Dann ist die Psychiatrie neuerdings besonders dem sog. existentiellen Gedächtnis auf der Spur, also jenen Gedächtnisinhalten, die Sachverhalte betreffen, die uns ganz persönlich existentiell angehen. Persönliche, existentielle Ereignisse werden hier gespeichert, Empfindungen und unsere Stellungnahme dazu. Das existentielle Gedächtnis ist lokalisiert worden in der Umgebung des Hippocampus, nämlich im Gyrus parahippocampalis, also jener Region, die ich das Unterbewußte des Hippocampus genannt habe, in dem die genuinen Gefühle gespeichert werden. Die Aktivität dieses Gyrus parahippocampalis ist wesentlich daran beteiligt, inwieweit wir uns auf unsere Person bezogen angemessen oder überhaupt zurückerinnern können. Die Begrenzung der Erinnerungsfähigkeit ist ein Indiz dafür, daß eine Blockade des existentiellen Gedächtnisses vorliegt, aus irgendeinem (schmerzhaften) Grund. Diese Blockaden können unterschiedlich strukturiert sein. Es sind häufig aber auch Informationen aus dem Frontalhirn, die die Weiterleitung und die Aktivierung dieses Gedächtnisses blockieren können.

Das sind die drei Gedächtnismöglichkeiten, die allgemein bisher als Gedächtnis benannt sind. Wenn wir nun berücksichtigen, daß nicht jede Behinderung der Arbeit eines Organs zum unmittelbaren Tod führt, noch nicht einmal unbedingt zu einem sofortigen pathologischen Symptom, muß es doch irgendetwas in uns geben, das in der Lage ist, in unserem Körper wenigstens, den gesunden Menschenverstand anzuwenden. Daraus ergibt sich die Frage, wo befindet sich denn dieser sogenannte gesunde Menschenverstand? Er betrifft ja vor allen Dingen jene Denkbereiche, die der eigenen pfleglichen Behandlung zugänglich sind. Der gesunde Menschenverstand beruht erst einmal darauf, sich selbst anzunehmen, sich in den Widerfahrnissen von “leben” so zu bewegen, daß es uns selbst dabei gut geht. Der Effekt wird sein, daß wir darüber anderen Raum lassen, da wir auch mit anderen pfleglich umgehen, schon um unserer selbst willen. Das mag, wie der evangelische Theologe Conzelmann gesagt hat, zwar nicht moralisch sein, aber im Sinne Jesu. Das wäre in der Tat wunderbar, wenn wir das nun so miteinander täten. Da das noch nicht einmal so mit uns selbst geschieht, müßten sehr viel mehr körperliche Katastrophen geschehen, aber es passiert trotzdem noch nicht einmal jene Katastrophe, daß wir tot umfallen, wenn einmal etwas mit uns schiefgeht. Auch wenn wir manchmal denken, es könnte gleich geschehen. Was in uns scheint denn hier interessanterweise behilflich zu sein? Vielleicht haben wir noch andere Gedächtnisse außer diesen des physiologischen, des rationalen und des existentiellen Gedächtnisses?

Werfen wir einen Blick auf das, was ich die Willkürmotorik nenne. Die Willkürmotorik betrifft all jenes, was wir willentlich mit Hilfe der Muskeln steuern können. Wir können also willkürmotorisch das Glas heben und sogar trinken. Der Arm macht das nicht von alleine, und das Trinken geht auch nicht von alleine. Dann gibt es motorische Abläufe, bei denen entscheiden wir nicht mehr jede einzelne Bewegung, jedes einzelne Detail. Wenn wir irgendwohin gehen wollen, überlegen wir uns nicht jedes Mal, daß erst der rechte Fuß so gesetzt werden muß - oder war es zuerst der linke? Oder nicht doch der rechte? ... Wenn wir jeden Schritt immer wieder neu entscheiden müßten, würden wir überhaupt nicht mehr gehen. Wenn wir uns an Kinder erinnern, die das Laufen lernen, es heißt ja interessanterweise “laufen” lernen, also: wenn die Kinder das Gehen lernen, beobachten wir, daß dann allerlei Erfahrungen gemacht werden, inklusive Stolpern, Hinfallen, Aufstehen und, und, und ... Und je nach Umgebung, die entsprechend applaudiert, wird dann natürlich entsprechend auch ein Sportler oder eine Sportlerin daraus. Aber was tatsächlich dabei geschieht, ist, daß bestimmte Bewegungsabläufe zur motorischen Routine werden. Und diese Routine will ja auch gelernt werden. Wenn wir sie gelernt haben, müssen wir uns an sie erinnern können, also brauchen wir dafür ein Gedächtnis. D.h. jene routinierten (gespeicherten) Umgangsformen, im wahrsten Sinne des Wortes, haben mit “um-gehen” zu tun, sind also auch lebensstiltypisch, individuell und familiär strukturiert. Es gibt aber auch Umgangsweisen, die möglicherweise nicht rein routiniert stattfinden sollen. Es ist vorstellbar, daß dort, wo Streicheln “angesagt” ist, nicht genau überlegt wird, wie jetzt die Finger zu halten sind, wie stark der Druck sein soll usw. Dieses Ereignis läuft irgendwie ganz anders ab. Wir haben während des Streichelns die Möglichkeit, uns auf das zu konzentrieren, was wir da tun. Doch das andere, das sensitive Erleben vermittelt eine Erkenntnis, und wir müssen jetzt nicht jede winzige Bewegung entscheiden. Es scheint hier auch so etwas wie ein Gedächtnis zu geben, das diese Tätigkeit - routiniert in einem gewissen Sinne - in Gang setzen kann. Natürlich müssen wir den Beginn einer willkürlichen Muskelaktivität erst einmal entscheiden. Von alleine laufen wir nicht los. Von alleine fängt die Hand auch nicht an zu streicheln, das müssen wir schon entscheiden. Alles, was mit Willkürmotorik zu tun hat, bedarf zuvor einer geistigen Entscheidung. Auch Schweigen ist Willkürmotorik. Nichtstun ist auch ein Tun, den Mund zu “halten” ... Denn, wenn wir nicht unsere Willkürmotorik dabei aktiviert hätten, würden unsere Lippen runterhängen. Wenn wir ganz lässig auf dem Stuhl sitzen und die anderen denken sollen, wir langweilen uns, dann ist das auch noch Willkürmotorik, denn würden wir sie ganz abstellen sozusagen, würden wir sofort vom Stuhl fallen. Also: Wir sind an unserem Verhalten immer irgendwie beteiligt. Die Form des Ausdrucks des Umgangs läßt sich verstehen oder nicht, aber sie ist geistig entschieden.

5.8.1.4. Für diese Willkürmotorik brauchen wir ein motorisches Gedächtnis. Nun, da es hierbei natürlich um nervale Prozesse geht, werden wir über diesen Weg an das zentrale Nervensystem gewiesen. Ein Teil davon, das vegetative Nervensystem (das Neurovegetativum), das unwillkürliche Nervensystem, ist, wie das Wort unwillkürlich schon sagt, der Willkür, der Entscheidung nicht zugänglich. Es tut einfach das, was zu tun ist, für den Augenblick. Es ist eine Vermittlungshilfe, und vor allen Dingen deshalb eine wunderbare Vermittlungshilfe im positiven Sinne, da es beteiligt wird beim Aufbau unseres Lebensstils, um Verwundungsatmosphären zu überleben, unwillkürlich. Deshalb trenne ich begrifflich zwischen dem Zentralnervensystem und dem vegetativen Nervensystem. Auf das zentrale Nervensystem (ZNS) haben wir Einfluß. So können wir sagen, daß das ZNS bewußt und willkürlich beeinflußt, aber auch Routine mit seiner Hilfe gespeichert werden kann und deshalb auch Effekte von anderen Informationsquellen. Die Region im Gehirn, die diese Gedächtnisleistungen für das ZNS vollbringt, ist das Kleinhirn, Cerebellum genannt. Dieses Kleinhirn ist für die Routine von Bewegungen von ganz besonderer Bedeutung. Über das Cerebellum können auch Informationen darüber weitergegeben werden, ob wir uns gerade wohlig (elegant) oder unwohl (etwas kantig) empfinden. Bei den Syndromen, die mit der Art einer Bewegung verbunden sind oder bestimmte Körperhaltungen hervorrufen, werden vom Kleinhirn aus die entsprechenden routinierten Informationen weitergegeben. Ich erinnere an das “asüKl”-Syndrom (armer süßer Kleiner) ([Nr.: 8.7.5.2.] männlich: “ich armer, süßer Kleiner”) oder auch an das Probanden-Syndrom ([Nr.: 8.7.2.1.] “Versorgung für andere als kulturelle Pflichtleistung”), bei denen sind erniedrigte (“schlaffe Körperhaltung”) bzw. erhöhte (“kraftvolle Vorwärtsbewegung”) Eisenspiegel im Blutserum bekannt. D.h. hierhin können Impulse vom Frontalhirn unmittelbar gelangen, aber eben auch vom Bewußtsein, so daß wir darauf einwirken können, ob wir nun wirklich aufrechten Ganges durch dieses “leben” gehen möchten oder lieber etwas gebeugt, weil der nächste Nackenschlag gleich um die Ecke kommt - bildlich für ein Sorgephänomen. Es handelt sich also um Entscheidungen, die sich insgesamt auf das Gerüst auswirken. Und die zentrale Stelle dafür ist das Kleinhirn, das Cerebellum. Auch hier wird wieder interessanterweise deutlich (wie bei den anderen Gedächtnissen, die wir schon kennen), daß es keine geistige Gehirnleistung gibt ohne ein Gegenüber. All unsere Gehirnleistungen, die geistig orientiert sind, brauchen ein Gegenüber. Die Zellen werden ja auch nach der Geburt von außen aktiviert, strukturiert, so daß die eigenständige Leistung ein Gegenüber braucht (siehe Noosomatik Bd.I -2). Nun können wir uns selbst glücklicherweise auch Gegenüber sein. Jetzt bitte an den Schlager denken: “Ich (armer süßer Kleiner) bin ja so allein.” Und dann alleine in der eigenen Wohnung, ... nichts los, “um mich ist’s leer” (Peter Kraus). Doch: Es kann sich ereignen, daß wir uns in der Wohnung selbst begegnen und über die Artikulationsantwort sozusagen mit uns selbst ins Gespräch kommen, uns selbst animieren und dann eine andere Stimmung zulassen können. Wir können uns selbst als Gegenüber in der Gemeinschaft mit uns selbst wahrnehmen. Geborgenheit fühlen können wir ganz allein für uns, dazu brauchen wir niemanden.

5.8.1.5. Auf der Suche nach weiteren Gedächtnissen stoßen wir auf eine weitere Frage: Wie ist das eigentlich, wenn wir nun schon Routine für Bewegung in der Gemeinschaft gelernt haben, und uns Routine von “gehen” bis “streicheln” vorstellen können, wie ist das eigentlich mit der eigenen Position? Es muß ja irgendwie etwas geben, was uns in der Gemeinschaft auf unsere Identität und unser Selbstverständnis hin orientiert. Es muß etwas geben, was uns auch unabhängig vom Lebensstil aktiviert. Es muß etwas geben, das diesem Vermögen unserer eigenen Vitalität, unserer Lebendigkeit, der angemessenen Verteilung vom Männlich-Weiblichen Prinzip Raum gibt. Es muß ein Gedächtnis geben, das uns in der Unterschiedenheit zu anderen erkennen läßt, daß wir ein anderer Mensch sind; ein Gedächtnis, das sehr wohl die Möglichkeit zur Unterscheidung von Selbstigem und Nicht-Selbstigem bestimmt. Es muß ein Gedächtnis sein, das sozusagen vom Kern her, vom Persönlichkeitskern her, orientiert ist. Und das darüber alle anderen Gedächtnismöglichkeiten stabilisiert und fördert. Es muß sozusagen etwas sein, was unsere Primär-Identität so im Hinblick auf unsere Wahrnehmung aktiviert, daß wir als Individuum überhaupt zu unseren Gedächtnisleistungen in der Lage sind.

Gedächtnismoleküle bestehen biochemisch aus Zucker und Eiweiß. Den Zuckeranteil brauchen wir zum Erkennen von etwas, das von draußen kommt, und die Proteine bauen die Struktur dieses Moleküls. Und wenn wir schon dahin schauen, daß Gedächtnismoleküle natürlich notwendig sind für jede Art von Gedächtnis, dann muß das, was ich jetzt hier suche, ein Gedächtnis sein, das in der Lage ist, Gedächtnisse Gedächtnisse sein zu lassen. Dann stoße ich auf die Fähigkeit der Zelle, die Proteine, die gebraucht werden, zu ersetzen. Ich stoße auf die Bioproteinsynthese, auf diesen regenerativen Vorgang der Bioproteinsynthese, der in der Zelle stattfindet, um für das “leben” Gebrauchtes auch wieder zu ersetzen (zu regenerieren), nach dem Satz “Teilhabe am ‘leben’ regeneriert”. Diese Bioproteinsynthese stellt die Gedächtnisleistung dar, die ich hier gesucht habe. Sie hat nicht nur regenerativen Zweck im Hinblick auf die Eigenständigkeit, auf die Identität des Menschen, sondern auch in seiner Wahrnehmung, in seiner Unterschiedenheit zu anderen. Sie hat die wesentliche Aufgabe, ein Gedächtnis zu sein, das im Sich-erinnern-können selbst Gedächtnis bleibt. Das ist eine doppelte Funktion und geschieht ganz allein dadurch, daß wir am “leben” teilhaben. Daß diese regenerativen Prozesse auch gebremst, blockiert und mißbraucht werden können, wissen wir zur Genüge. Die Randsiedelei, wenn wir uns also nur am Rande von “leben” bewegen, führt nicht zur angemessenen Regeneration und verbraucht wesentlich mehr Energien, und dennoch liefert die Bioproteinsynthese ausreichend neues Eiweiß, um uns am “leben” zu erhalten. Die Bioproteinsynthese weiß um den Bedarf, sie arbeitet, um die Arbeit im Organismus überhaupt am “leben” zu erhalten. Und sie weiß auch, wie sie das zu tun hat; das hat sie gelernt, und deswegen kann ich von ihr auch als Gedächtnis sprechen. Dieses Gedächtnis ist glücklicherweise auch unserem direkten Zugriff entzogen, auf diese Gedächtnisleistungen kann nur indirekt eingewirkt werden, und dann entstehen allerdings bereits pathologische Phänomene. Die Bioproteinsynthese organisiert darüber hinaus auch per eff. die Kommunikation der Organe untereinander. Das bedarf einer speziellen Leistung. D.h. das physiologische Gedächtnis kommt ohne diese Leistung nicht aus.

5.8.1.6. Unabhängig von den physiologisch notwendigen Gedächtnissen muß es eines geben, das uns in die Lage versetzt, bereits erlangte weitergehende Erkenntnisse aufgrund von Umgangserfahrungen zur Verfügung stellen zu können. Wir möchten lernen können, mit Menschen umzugehen und die möglichen inhaltlichen Umgangsformen auch einem Gedächtnis so hinzuzufügen, daß wir dann bei Wiederbegegnungen wissen: “Aha! Ich kann so und so mit ihnen umgehen” oder “Vorsicht! Bleibe wachsam, da stimmte schon einmal etwas nicht!” Ich suche dabei also ein Gedächtnis, das die Verbindung zwischen unterbewußter Verwundungserfahrung und -verarbeitung, sprich Lebensstil im Frontalhirn, und unseren “bestimmten” Sehnsüchten darstellt, das uns eben auch vorgaukeln kann, über Gemeinschaft hinaus scheinbar in die Zukunft schauen zu können, also die Nähe oder Ferne zu unserem Paradies auch empfinden zu können. Wir haben dafür ein Gedächtnis, das wie ein Reisebüro arbeitet und für die Route sorgt. Das Reisebüro kann uns leider auch vermitteln, jetzt hier im Augenblick ist es zwar ganz schön, aber im nächsten oder übernächsten wird es bestimmt viel schöner. Und dort (im zu erwartenden Paradies) findet sich auch die uns schützende Bebauung, uns Schatten spendende Bepflanzung usw. Humorvoll: Unser Überlebensstil braucht irgendetwas, das uns deutlich macht, daß wir uns da wohlfühlen werden, daß dann eventuell wirklich für uns (Männer) die Göttin kommt, die uns endlich unsere Wünsche erfüllt und zwar so, wie wir es uns vorstellen. Oder, daß Frauen dieses Reisebüro verwenden können, um endlich den Prinzen auf dem weißen Fahrrad zu finden, der sie aus aller Not befreit. Natürlich muß dieses Reisebüro uns ggf. auch beraten bei schwierigen Touren oder Routen, vor Säbelzahntigern warnen, noch ehe sie in Sicht sind, statt der Flug- auch Flucht-Tickets zur Verfügung stellen. Es handelt sich dabei um ein Reisebüro, das es sich eine Herzensangelegenheit sein läßt, uns die Welt in den angenehmsten Farben zu eröffnen bzw. uns vor Gefahren zu warnen. Da fällt uns natürlich der Blutdruck ein. Wir brauchen uns bloß im jetzigen Augenblick den nächsten vorzustellen: angenehm oder unangenehm. Meine Güte, überstehen wir dieses oder jenes noch. Dann wachsen wir über uns hinaus mit dem erhöhten Blutdruck, oder wir bekommen vor lauter Schreck einen niedrigen Blutdruck und würden am liebsten im Boden versinken. Blutdruck ist der unmittelbare Wegweiser von einem Augenblick in den nächsten. Die Sorge kann z.B. den Blutdruck erhöhen, die Angst kann ihn senken. Womit hängt der Blutdruck denn nun zusammen? Blutdruck als wesentlicher Mitarbeiter dieses Reisebüros hängt mit dem Kreislauf zusammen und dazu gehört das Herz, das kein eigenes Organ ist, sondern ein Muskel. Untersuchungen an embryonalen Herzzellen haben ergeben, daß es spezielle Transmitter um das Herz gibt. Die Herzzellen schlagen einen bestimmten Rhythmus und mit Hilfe der Ausbildung von Rezeptoren nehmen die Herzzellen, die mit der Fähigkeit ausgestattet sind, sich entsprechend zusammenziehen zu können, ihre Arbeit auf und können dann Informationen verarbeiten. Und parallel dazu kann das embryonale Herz schon ordentlich arbeiten. Also wichtig sind für das Herz Zellen mit Rezeptoren, die etwas aufnehmen, und irgendwelche Botenstoffe, die an die Rezeptoren gelangen können. Dann kann das Herz je nach Information durch die Botenstoffe eben stärker pumpen oder weniger stark, oder wir können dann wie mit einem “Düsenjet” in den nächsten Augenblick, das ist dann Bluthochdruck und möglicherweise auch mit einem schnellen Puls verbunden. Wir können aber auch ganz gemächlich mit einem niedrigen Blutdruck den nächsten Augenblick abwarten.

Wenn ich von der Physiologie her schaue, hat das Herz die Aufgabe, das, was drinnen ist, irgendwie im Bezug zum Draußen zu koordinieren und das Drumherum auch noch in die Bearbeitung miteinzubeziehen; es hat also eine dreidimensionale Aufgabe. Es leistet in der Tat die Korrelation zwischen drinnen und draußen, zwischen drinnen und dem Drumherum des Draußen, und was draußen aus dem Drumherum auch von Bedeutung zu sein scheint. Und so muß auch ein vernünftiges Reisebüro arbeiten. Wir können uns vorstellen, daß das Herz diese mehrdimensionale Aufgabe des Reisebüros hervorragend leisten kann, uns vom jetzigen Augenblick in den nächsten hinüber zu bekommen, und das auch weniger endgültig als bei einem Herzinfarkt.

5.8.1.7. Auch Linguistikforschungen inklusive der speziellen psycholinguistischen Forschungen sind zum Ergebnis gekommen, daß der Mensch in der Tat zu neuen Einsichten kommen kann; daß er tatsächlich in der Lage ist, sich selbst zu verstehen, und daß er auch in der Lage ist, weitgehend jedenfalls, sich anderen gegenüber verständlich auszudrücken, wenn er das möchte. Also muß es etwas in uns geben, das dies unterstützt und es möglich macht, unseren Lebensstil zu ändern, trotz der Frontalhirneinflüsse. Es muß ja etwas geben, das in der Lage ist, uns so an uns selbst zu erinnern, daß unsere gesamte Vitalität und die daraus resultierenden Möglichkeiten unterstützt werden. Es muß Interesse daran haben, unser eigenes Selbst (!) zu unterstützen und am “leben” zu erhalten - trotz aller Notwendigkeit, uns einpassen zu sollen bzw. zu müssen. Irgendein Gedächtnis muß es in uns geben, das weiß, wie wir am “leben” zu erhalten sind, insgesamt und überhaupt. Ich will das das vitale Gedächtnis nennen. Dieses vitale Gedächtnis muß sich natürlich auch im Gehirn befinden: Meine Hypothese (laut H.-J.Freund auf einem Ärztekongreß 1994 in Lübeck in der Tat mehr als eine bloße Vermutung): Das vitale Gedächtnis ist die Medulla oblongata im sogenannten Hirnstamm. Physiologisch werden dort alle tatsächlich notwendigen vitalen Informationen gespeichert. Wenn die Informationswege unterbrochen werden oder die Arbeit des Hirnstamms blockiert wird, z.B. durch eine Reizflut in den Hippocampus und seine Umgebung, so daß dort die Zellen nicht mehr arbeiten können, dann wird die Verbindung zum Hirnstamm so pathologisiert, daß die vitalen Funktionen zusammenbrechen, der Mensch stirbt auf der Stelle. Dieses vitale Gedächtnis ist gleichzeitig ein Koordinationsgedächtnis. Es koordiniert die anderen Anteile des Gehirns. Wenn wir uns nun gehirnanatomisch vor Augen führen, daß sich in der Nähe auch die Formatio reticularis, das Mutzentrum, befindet, das Energien zum Handeln, Denken, Fühlen und zu einer Mischung aus allem entläßt, dann können wir uns vorstellen, wie vital der Hirnstamm arbeiten kann und soll. Die Verbindung über den Thalamus in Richtung Geist, die direkte Verbindung zum Hippocampus, zum Gefühlszentrum, die direkten Wege zum Handeln (Motorik), - hier vom Hirnstamm aus wird Vitales unmittelbar und direkt so organisiert, daß wir lebensfähig sind. Dieses vitale Gedächtnis ist tatsächlich etwas anderes als das physiologische Gedächtnis. Das physiologische Gedächtnis konzentriert sich auf die Organisationsformen und die Kooperation der Organe. Das vitale Gedächtnis sorgt sozusagen im Hintergrund für die Koordination der Organisation der Organe. D.h. wir haben für die anderen sechs Gedächtnismöglichkeiten als Basis das vitale Gedächtnis - und wir können sagen, dieses vitale Gedächtnis ist der Würde der Menschlichkeit des Menschen verpflichtet. Das vitale Gedächtnis hält jeden Menschen für lebens- und liebenswert.

Das physiologische Gedächtnis, das die Organisation der Organe untereinander koordiniert, ist der Primäridentität verpflichtet. Das physiologische Gedächtnis mag uns als Identität. Es erinnert uns daran, daß wir mit uns selbst identisch sind. Das Reisebüro-Gedächtnis oder auch herzliche Gedächtnis ist der Möglichkeit verpflichtet, dieses “leben” wirklich anzuschauen, als etwas, was uns widerfährt, was ganz lebendig uns selbst belebt. Das herzliche Gedächtnis ist in der Lage, uns zu zeigen, daß “leben” selbst nie krank werden kann. Daß “leben” wirklich nichts Gefährliches ist; daß “leben” ein Widerfahrnis ist, weshalb ich es auch immer als Verb schreibe, also kleingeschrieben in Anführungszeichen. Wir können sagen, das herzliche Gedächtnis ist der Schau verpflichtet, die es uns ermöglicht, “leben” als für uns selbst daseiend zu erfühlen. Wenn das “leben” allerdings zur anstrengenden Show wird, dann haben wir bald einen Herzinfarkt zu erwarten. Die Bioproteinsynthese als Gedächtnis ist der Einheit der Persönlichkeit eines Menschen verpflichtet. Die Bioproteinsynthese organisiert die Wahrnehmung des Selbst-Seins und eben auch des Andersseins in der Gemeinschaft. Das motorische Gedächtnis ist der Möglichkeit verpflichtet, daß wir in der Lage sind, uns so zu verhalten, daß wir uns selbst richtig sind, daß wir uns in diesem “leben” als richtig erfühlen, erspüren können. Insofern ist das motorische Gedächtnis unmittelbar der Erfahrung von Heil verpflichtet und keineswegs dem “Richard-Kimble-Phänomen” (“immer auf der Flucht”). Das existentielle Gedächtnis, das uns alle Möglichkeiten der wirklichen Gefühle zur Verfügung stellen hilft, damit wir über die Gedächtnisleistung des Gyrus parahippocampalis in der Lage bleiben, unabhängig von Verwundungserfahrungen uns zu erfühlen, bis in die Tiefe des eigenen Seins. So können wir sagen: Das existentielle Gedächtnis ist über die Gewißheit von Seindürfen, diesem genuinen Gefühl hinaus, dem Gefühl verpflichtet, das ich Ewigkeit nenne, jener Augenblick, in dem die innerste Lebendigkeit so fühlbar wird, daß Zeit und Raum in diesem Augenblick nicht mehr wichtig sind. Das rationale Gedächtnis ist bei Anwendung des gesunden Menschenverstandes dem verpflichtet, was vor allem ist: der Organisation von Vitalität und Sein in unserem Menschsein: Das Sein selbst gibt Teil an sich, dadurch, daß wir Menschen sind. Was auch immer um das Sein und vor dem Sein gedacht werden kann, muß in irgendeiner Art eine Ordnung haben - nicht zu verwechseln mit Zucht und Ordnung -, eine Art Ordnung, die als ein lebendiges System für jeden von uns Platz läßt, auch in eine Entwicklung hinein, die selbst wiederum offen ist. Das rationale Gedächtnis hilft uns also, uns zu orientieren in der Natur, in unserem eigenen kleinen oder auch größeren Kosmos.

Erstveröffentlichung bereits 1992 in Siebel “Würde und Mut. Texte zur Anthropologie der Sprache und des Rechts auf Gegenwart”, Beiheft 6 zu “Wissenschaft und Logos”.

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